Interview mit Gerd Krämer, Staatssekretär im Hessischen Sozialministerium

Schwerpunktheft "Homosexualität - (k)ein Thema in der Jugendhilfe" der Zeitschrift "Hessische Jugend", April 2004

1. Der Thematik "Gleichstellung von Schwulen und Lesben" ist im Hessischen Sozialministerium ein eigener Referatsbereich zugewiesen. Welche politischen Ziele verbindet die Landesregierung mit diesem Ansatz?

Immer noch ist die Alltagsrealität von Lesben und Schwulen in etlichen Bereichen von Vorurteilen, Ressentiments, sozialer Ausgrenzung und rechtlicher Ungleichbehandlung geprägt. Dies ist eine Tatsache, die Politik und Gesellschaft gleichermaßen zum Handeln auffordert und der wir uns als Sozialministerium stellen.

Die Hessische Landesregierung wendet sich gegen jede Form von Diskriminierung. Sie verfolgt das Ziel, durch verschiedene Maßnahmen einen nachhaltigen Beitrag gegen Diskriminierung und für konkrete Verbesserungen der Lebenssituation homosexueller Frauen und Männer zu leisten, und versucht, dauerhafte Grundlagen für ein vorurteils- und diskriminierungsfreies Miteinander zu legen. Dabei geht es vor allem darum, Sensibilität für die Unterschiedlichkeit der Lebensweisen zu entwickeln und zu befördern.

2. Wie konkretisieren sich diese Ziele in der Arbeit des Hessischen Sozialministeriums?

Diese Ziele sind für uns kein Feigenblatt, sondern praktische Leitlinie. Seit 1997 organisiert der im Jugendreferat angesiedelte Referatsbereich "Gleichstellung von Lesben und Schwulen" mit einer ungewöhnlichen, aber inzwischen bewährten Konstruktion diese Aufgabe: zwei lesbische externe Beraterinnen und zwei schwule externe Berater aus der Community unterstützen den Referatsleiter und die Sachbearbeiterin des Referatsbereichs mit ihrer (Betroffenen-) Kompetenz und geben Impulse für derssen Arbeit.

Besonderen Wert legen wir auf die Kooperation und den Dialog mit den hessischen Lesben- und Schwulengruppen und -initiativen. Regelmäßig veranstalten wir Runde Tische, auf denen Vertreterinnen und Vertreter der hessischen Lesben- und Schwulengruppen die Möglichkeit haben, auf Diskriminierungen hinzuweisen und entsprechende Maßnahmen vorzuschlagen. Daraus entwickeln sich die Arbeitsschwerpunkte im Rahmen von auf einige Jahre angelegten Maßnahmeprogrammen. Gerade wurde das zweite Programm dieser Art mit beachtlichen Erfolgen abgeschlossen. Als einen der nächsten Schwerpunkte haben wir uns übrigens das Thema "Jugend und Homosexualität" vorgenommen. Natürlich setzt das Hessische Sozialministerium diese Punkte nicht allein, sondern im Dialog mit anderen Ministerien, Behörden, Verbänden und Institutionen um. Ein von uns besonders geschätzter Kooperationspartner ist der Hessische Jugendring, mit dem wir ja schon verschiedene Projekte erarbeitet und durchgeführt haben.

Außerdem sind wir bestrebt, einen Dialog zwischen Betroffenen und gesellschaftlichen Verbänden und Institutionen zu ermöglichen bzw. zu initiieren. Diese sind dadurch nicht selten zum ersten Mal überhaupt mit dieser Thematik befasst. Darüber hinaus werden regelmäßig Fachtagungen und Fortbildungen zu Themen wie "Diversity", "Homosexualität in der Jugendhilfe", "Lebenssituation von Lesben und Schwulen im Alter" oder "Regenbogenfamilien" durchgeführt, die sich insbesondere an in der sozialen Arbeit tätige MultiplikatorInnen richten. Mit diesen Veranstaltungen sollen Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, um diejenigen, denen das Thema bisher fremd war, einen Reflektionshintergrund zur Überprüfung der eigenen Einstellungen und Handlungen zu bieten.

In unserer Arbeit suchen wir nach Wegen, in den gesellschaftlichen Alltag hineinzuwirken, indem wir unseren Einfluss auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Institutionen, Unternehmen, MultiplikatorInnen usw. geltend machen. Wir verstehen in Hessen Schwulen- und Lesbenpolitik in allererster Linie als Sensibilisierungs- und Antidiskriminierungspolitik.

3. Die Lebensphase Jugend, in die zumeist das Coming-Out von Schwulen und Lesben fällt, nimmt eine zentrale Bedeutung in deren Leben ein. Was bedeutet dies gerade im Hinblick auf Jugendpolitik und Jugendhilfe in Hessen und wie können entsprechende Rahmenbedingungen für junge Schwule und Lesben geschaffen und sichergestellt werden?

Viele Jugendliche befinden sich aufgrund ihrer Homosexualität in existentiellen Nöten. Noch immer glauben viele betroffene Jugendliche, sich niemandem anvertrauen zu können, und ziehen sich von ihrer Familie und ihrer Umwelt zurück. Diese Erfahrungen sowie das weitgehende Fehlen positiver Identifikations- und Unterstützungsangebote erschweren den Selbstfindungsprozess und gehen mit psychosozialen Belastungen einher, die sich in zahlreichen inneren und äußeren Konflikten bis hin zu verstärkter Suizidgefährdung artikulieren. Auch deshalb hat Frau Ministerin Lautenschläger das Thema "Situation von lesbischen und schwulen Jugendlichen im Coming-Out und ihr spezifischer Beratungsbedarf" als Schwerpunktthema gesetzt.

Geeignete politische Maßnahmen in diesem Bereich bestehen z.B. in der Unterstützung von Selbsthilfegruppen homosexueller Jugendlicher, die in den einigen hessischen Städten existieren, sowie in der Sensibilisierung der kommunalen Jugendeinrichtungen, der Familien-, Erziehungs- und sonstigen Beratungsstellen und der pädagogischen Einrichtungen für die besondere Problemlage homosexueller Jugendlicher. Konkret haben wir in diesem Bereich schon eine Fülle von Maßnahmen entwickelt. Beispielsweise haben wir Unterrichtseinheiten erarbeitet und am Aufbau eines Fortbildungsangebots für Pädagoginnen und Pädagogen zum Themenkomplex "Homosexualität" mitgewirkt, haben ein Schulprojekt in Zusammenarbeit mit der FH Frankfurt initiiert, eine Integration des Schwerpunktes "Homosexualität" in die Rahmenlehrpläne/Curricula zur Ausbildung pädagogischer Fachkräfte veranlasst und diesbezügliche Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt. In Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kooperationspartnern wie dem Landeselternbeirat, der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, dem Philologenverband, dem Hessischen Jugendring u.a. haben wir die Broschüre "Da fiel ich aus allen Wolken. Informationen für Eltern lesbischer und schwuler Kinder" erarbeitet, die in hoher Auflage vor kurzem erschienen ist.

In meinen Gesprächen mit den Referats-MitarbeiterInnen habe ich zudem angeregt, ein besonderes Augenmerk auf die jungen Menschen im ländlichen Raum zu legen. Dort ist ein Coming-Out im Gegensatz zu den größeren Städten weitaus schwieriger. Demnächst wird ein Maßnahmenprogramm vorgelegt, wie junge Menschen im ländlichen Raum unterstützt werden können. Dieses dient dann als Grundlage, um die Rahmenbedingungen in der Jugendhilfe für junge Lesben und Schwule zu verbessern.