Fachtag "Lesben und Schwule im Alter" im Hessischen Sozialministerium fand gute Resonanz


Am 26. Oktober fand im Hessischen Sozialministerium ein Fachtag
zum Thema "Lesben und Schwule im Alter" statt, zu dem der Leiter des für die
Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen zuständigen Referats,
Ulrich Bachmann, über 40 Vertreterinnen und Vertreter der hessischen Lesben-
und Schwulengruppen und anderer Einrichtungen und Verbände begrüßen konnte.
Bachmann erläuterte eingangs, dass der Anteil älterer Menschen in der
Gesellschaft kontinuierlich steige und nach Schätzungen des
Bundesfamilienministeriums im Jahr 2050 bei zirka 36% Prozent der
Gesamtbevölkerung liegen werde. Fünf bis zehn Prozent davon seien Lesben und
Schwule. Erstmals werde aber eine Generation von Lesben und Schwulen
sichtbar, die ihre sexuelle Orientierung nicht mehr verbergen und ihr Alter
offen und aktiv gestalten wolle. Ihre psychosexuelle Identität spiele dabei
eine bedeutende Rolle.

Ulrike Habert von der Konferenz der hessischen Lesben- und Schwulengruppen
(KhLS) forderte in ihrem Grundsatzreferat die Schaffung lesben- und
schwulenspezifischer Projekte in den Bereichen Wohnen und Pflege sowie die
Unterstützung bestehender lesbischer und schwuler Ansätze der Altenarbeit.
Gleichzeitig unterstrich sie die Notwendigkeit, die bestehenden
Einrichtungen der Altenarbeit für die Probleme älterer Homosexueller zu
sensibilisieren.

Walter Paul von dem Frankfurter Projekt Altenpflegayheim, selbst Leiter
eines Altenpflegeheimes, plädierte für den Aufbau einer lesbisch-schwulen
Altenpolitik und Altenarbeit. Er forderte eine solidarische Gemeinschaft der
Homosexuellen, die sich in Ergänzung zu professionellen Hilfesystemen eigene
Selbsthilfestrukturen und Betreuungs- und Pflegesysteme schaffen müsse, und
verdeutlichte, dass dies gerade im Bereich Pflege dringend geschehen müsse.
Nur so könne verhindert werden, dass ältere Lesben und Schwule im Übergang
zur Pflegebedürftigkeit einen schwerwiegenden Bruch erlebten. Dies sei aber
dann der Fall, wenn sie aus ihrer gewohnten Umgebung, die oftmals
homosexuell geprägt sei, plötzlich in ein heterosexuelles Umfeld kämen, in
dem auf ihre psychosexuelle Identität nicht eingegangen werde bzw. sie sogar
Ausgrenzungen ausgesetzt seien.

Obwohl das Thema Pflege längst nicht alle Lesben und Schwulen beträfe, weil
die meisten älteren Menschen jedenfalls in den ersten 15 bis 20 Jahren nach
Ausscheiden aus dem Berufsleben nicht auf Pflege bzw. Hilfe angewiesen
seien, wurde auf der Veranstaltung deutlich, dass dieses Thema angstbesetzt
sei, zeige es doch die Grenzen erwünschter Unabhängigkeit und
Selbständigkeit auf. Die Pflegebedürftigkeit steige mit dem Alter: So seien
knapp ein Fünftel der 80 bis 85jährigen, aber schon ein Drittel der 85 bis
90jährigen pflegebedürftig.

Constance Ohms, externe Beraterin des hessischen Referats für die
Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen des Hessischen
Sozialministeriums, wies darauf hin, dass Altwerden ein Prozess sei und es
im Kern darum gehen müsse, eine lesbische und schwule Kultur des Altwerdens
zu entwickeln. Dies beinhalte besonders die Bereiche Wohnen und Pflege, aber
auch eine Reflexion des in Lesben- und Schwulenkreisen gepflegten
Jugendkults und eigene Vorstellungen von Gesundheit.
Auf der Veranstaltung wurden neben dem Projekt "AltenpfleGayheim", das eine
Altenpflegeeinrichtung für ältere homosexuelle Menschen in Frankfurt/Main
plant, mehrere lesbische bzw. schwule Projekte vorgestellt, so das
bundesweite Lesbenprojekt "SAFIA - Lesben gestalten ihr Alter" und das
schwul-lesbische Berliner Wohnprojekt "VILLAGE" - Projekte, in denen Ansätze
einer lesben- bzw. schwulenspezifischen Altenarbeit umgesetzt werden. Beide
Projekte planen, durch Angliederung von ambulanter Pflege den Übergang vom
Wohnen zur Pflege so problemlos wie möglich zu gestalten.

Das New Yorker Altenprojekt "SAGE - Senior Action in Gay Environment" hat
ein breit gefächertes psychotherapeutisches und soziales Angebot für für
Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und FreundInnen. So gebe es
Gesprächsgruppen zu vielfältigen Themen, Freizeitangebote im kulturellen
Bereich und soziale Dienste wie das "Friendly Visiting". BALSAM, der
Berliner Arbeitskreis lesbischer und schwuler alter Menschen, ist ein
Netzwerk verschiedener Berliner Selbsthilfegruppen und Institutionen, das
sich zur Aufgabe gemacht hat, das Thema Lesben und Schwule im Alter auf
politischer Ebene sichtbar zu machen sowie Selbsthilfestrukturen zu fördern
und eine möglichst breite Versorgung zu erreichen, indem beispielsweise
Pflegedienstleitungen geschult werden.
In der abschließenden Diskussion wurde auf die Notwendigkeit hingewiesen,
das Thema Homosexualität in das Curriculum Altenpflege zu integrieren und
auf die Kommunen und Wohlfahrtsverbände einzuwirken, dieses Thema nicht
länger zu tabuisieren.