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News (Seite 1 von 3) „Männer machen mit!“ Frauenbüro des Landkreises Darmstadt-Dieburg 3. Juni 2002
Mitmachen oder desertieren?
Von Jürgmeier
Die Ausgangssituation ist delikat: Da lädt das „Frauenbüro des Landkreises Darmstadt-Dieburg“ Männer zu einem „Diskussionsforum von Männern für Männer“ ein. Und dann erst noch unter dem Titel „Männer machen mit!“ Ausrufzeichen. Was wir hier tun, entspricht also nicht etwa einem vorrangigen Bedürfnis „der Männer“, sonst hätten sie uns eingeladen, sondern einem verzweifelten Wunsch „der Frauen“. Männer haben, zumindest als Kollektiv, kein wirkliches Interesse an Gleichstellung.
Mitmachen, wenn Frauen rufen, heisst, das „Konzept Mann“ aufgeben
Männer, die dem Lockruf „des Weibes“ folgen, geraten in einer geschlechterpolaren Gesellschaft in eine heikle Lage – ihnen droht der Absturz ins Nicht-Männliche oder gar ins Weibliche. Mitmachen, wenn Frauen rufen, heisst, das „Konzept Mann“ aufgeben. Und was die Folgen solchen Handelns sind, ist in der christlichen Kultur hinlänglich bekannt. Der sich von „der Frau“ zum Biss in den Apfel vom Baum der Erkenntnis verführen liess, wurde von GottdemHerrn aus dem Paradies vertrieben.
Und jetzt, zweitausend Jahre danach, dieses „Männer machen mit!“, das mehr Beschwörung als gesellschaftliche Realität ist. Untersuchungen zeigen, dass Frauen zwar einen immer gewichtigeren Platz im öffentlichen Raum von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, wenn auch nicht grad die obersten Positionen einnehmen, dass aber, umgekehrt, Männer keineswegs die Hälfte der Nichterwerbsarbeit einfordern. Es ist, vermutlich, weniger Faulheit, die Männer daran hindert, sondern eher der Umstand, dass das Gegenstück zum verräterischen Satz „Sie ist auch als Direktor ganz Frau geblieben“ fehlt. Oder haben Sie schon einmal gehört „Er ist auch beim Kloputzen ganz Mann“? Solange der Hausmann in einer Freitagabendcomedy des „Schweizer Fernsehens“ unter dem Titel „Fertig lustig“ erfolgreich als Lacher eingesetzt wird und der Skispringer, der seine Teilnahme an der Skiflug-WM absagt, weil seine Frau krank sei und er niemanden finde, die oder der das gemeinsame Kind hüte, vom Trainer via Medien abgekanzelt wird, ein Spitzensportler müsse wissen, was er zu tun habe, sind Abwasch und Windelnwechseln noch keine integrierten Elemente von Männlichkeit.
Immer mal wieder wird die Emanzipation „des Mannes“ gefordert. Nicht etwa die Befreiung „des ökonomisch Ausgebeuteten“, „des kulturell Unterdrückten“ oder „des sozial Benachteiligten“, nein, die Befreiung „des Mannes“ schlechthin. Als hätte je eine gesellschaftlich dominante Gruppierung ihre Entmachtung als Befreiung empfinden oder betreiben können. Zur Befreiung eines Kollektivs gehört ein unterdrückendes Gegenüber, ein, gewissermassen, „feindliches“ Kollektiv. Das aber fehlt „den Männern“. Sie sind als Kollektiv – wie „die Weissen“ in einem Apartheidstaat – keinem anderen Kollektiv unterworfen, sondern, als Folge sozioökonomischer Ungleichheiten, einander höchstens gegenseitig unterworfen. Als Kollektiv aber sind sie, wenn schon, ein unterdrückendes und nicht ein unterdrücktes. Und deshalb, strukturell gesehen, nicht an Überwindung, sondern Aufrechterhaltung der Verhältnisse interessiert. Mitmachen hiesse für „den Mann“ also, am Ast sägen, auf dem er sitzt. Und wer tut das schon freiwillig? Selbst, wenn es ihn von einem Korsett befreit.
Die Stunde der Katastrophe ist für „den Mann“ die Stunde der Bewährung
Auf dem Hintergrund der patriarchalen Geschlechterkonstruktion gerät „der Mann“ gegenüber feministischer Kritik in eine äusserst paradoxe Situation. Der feministische Vorwurf am „Mann“ bezieht sich letztlich auf das „Konzept Mann“, an dem der real existierende Mann scheitert, was er aber nicht zugeben und damit der Kritik die Spitze nehmen darf, weil er sich damit als „Nicht-Mann“ zu erkennen gäbe, was allemal noch das Schlimmste in einer geschlechterpolaren Gesellschaft ist. Und so „verbündet“ sich paradoxerweise die (berechtigte) feministische Kritik am „Konzept Mann“ mit dem männlichen Bemühen, eben diesem Konzept doch noch gerecht zu werden. Fordert „die Frau“ „den Mann“ auf, „mitzumachen“, droht die Situation vollends zu kippen, denn hinter dem „Befrei dich“ droht das „Mach dich frei“, das sich „der Mann“ zwar ersehnt, aber, kaum ausgesprochen, ergreift er die Flucht – vor der sexuell aktiven Frau, vor LiebeErotikLeidenschaft, denn die droht ihn von „Höherem“, das ist die Erringung der Männlichkeit, abzuhalten. „Mein Sehnen drängt zum Kampfe; nicht such’ ich Wonn’ und Lust, oh, Göttin, woll’ es fassen, mich drängt es hin zum Tod“, zitiert David G. Gilmore in seinem Buch „Mythos Mann“ den Wagnerhelden Tannhäuser, der darauf verzichtet, „ein glücklicher, aber passiver Gefangener“ zu bleiben, dem die Göttin mit ihren Nymphen umgehend alle Bedürfnisse erfüllt. Er kehrt in die „sonnenbeschienene Welt der Konflikte und Gefahren zurück“. Kriegszeiten – das zeigt die Welt von Afghanistan bis zum Sinai - sind Männerzeiten, die Stunde der Katastrophe ist für „den Mann“ die Stunde der Bewährung. Mann sein, heisst, der Verführung durch die Niederungen des Lebens widerstehen, heisst, nicht mitzumachen, wenn „die Frau“ ruft, denn: „Der Mann fürchtet, vom Weibe geschwächt, mit dessen Weiblichkeit angesteckt zu werden und sich dann als untüchtig zu zeigen.“ Schreibt Sigmund Freud.
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